Unsere Gemeinde (2006)

eine ausführliche Betrachtung von Pfarrer Jochen Kunath (Zum 450-jährigen Bestehen der evangelischen Gemeinde in Freiburg-Haslach, 2006)

Die Melanchthongemeinde: „Auf dem Weg des Glaubens ..."

Glauben ist verschieden, so verschieden, wie Menschen sind. Manchmal wird er ein wenig verschüttet, manchmal bricht er auf. Es gibt Zeiten, wo der Glauben für einen kaum Thema ist, und Zeiten, wo Glauben notwendig wird. Eine Gemeinde ist ein Raum für Glauben, ein Raum, wo Glauben auf seine Weise gelebt, hinterfragt, zugesprochen werden kann.

Die Geschichte der Melanchthongemeinde ist auch die Geschichte von unzähligen Menschen, die ihren Glauben hier - so verschieden wie sie waren - lebten. Die Formen, in denen dies geschah, wandelten sich im Laufe der Zeit. Auch in den 450 Jahren, in denen die Menschen evangelisch waren, gab es verschiedene Möglichkeiten, den Glauben zu erfahren und zu leben. Als immer Bleibendes über all die Jahrhunderte hinweg gab es in der Melanchthongemeinde Gottesdienste, die kirchliche Unterweisung und diakonische Liebestätigkeit. Das, was wir heute als Gemeindeleben kennen, die vielen lebendigen Gruppen und Kreise, hat sich erst am Ende des 19. Jahrhunderts herausgebildet. So gab es zum Beispiel nach dem 2. Weltkrieg in der Melanchthongemeinde allein vier Frauenkreise, die sich teilweise im Gemeinderaum in der Fichtestraße trafen; oder in den 70er Jahren gab es bis zu 15 Jugendkreise. Im Laufe der Zeit gab es auch die Polenhilfe, viele Familienfreizeiten, den Umwelttag und die Christenlehre. Um nur einiges zu erwähnen. Viele dieser Kreise gibt es heute nicht mehr; es bleibt freilich der Dank an die, die da waren, und an die die Kreise und Gruppen mit viel Herzblut und Zeit geleitet haben. Vieles ist bis heute erhalten geblieben ist, andere Gruppen haben sich verändert oder sind verschwunden, und immer ist Neues entstanden.

So möchte die Melanchthongemeinde über die Zeit hindurch Raum für Menschen auf dem Weg sein, die hier Rast machen, länger oder kürzer, Kraft, Gemeinschaft, Freude und Trost finden, und dann wieder weitergehen.

Auf dem Weg größer zu werden: Raum für Kinder

Damit bei uns Kinder größer werden können, sich entwickeln und Welt erkunden, haben wir in der Melanchthongemeinde den Kindergarten für 3-6 Jährige mit 1,5 Regelgruppen. Unsere drei Erzieherinnen Fr. Schwuchow, Fr. Grüninger und Fr. Reisch betreuen zur Zeit 35 Kinder und freuen sich auf jedes Kind, das zu ihnen stößt. Für die kleineren (von 1-3 Jahren) ist eine gute Betreuungsmöglichkeit in der selbständigen Kindergruppe „Pusteblume". Sie gehört nicht direkt zu uns, wird aber von uns unterstützt. Sie befindet sich gleich gegenüber unserer alten Kirche in der ehemaligen Scheune. Auf Kinder, die gerne singen, wartet das Ehepaar Thimm, beides Musiklehrer; ihr Kinderchor hat schon viele Kinder, ist aber offen für jeden, der singend groß werden möchte. Hineinwachsen in Gottes Liebe können Kinder bei uns, wenn sie den Kindergottesdienst besuchen. Einmal im Monat werden dort biblische Geschichten aktuell erzählt, wird gebetet und gesungen. Dreimal in Jahr gibt es große Projekte.

Wer zusammen mit seinen großen und kleinen Kindern das Leben feiern möchte, der ist herzlich zu unseren Familiengottesdiensten eingeladen. Sie finden mindestens einmal im Monat statt. Sehr wichtig ist uns auch die Arbeit mit den Konfirmanden: Unser Unterricht findet immer einmal im Monat am Samstag statt; dafür aber fast den ganzen Tag und mit gemeinsamem Mittagessen, das Eltern kochen. Der Unterricht wird von einem Team gestaltet.

Zu vergessen ist nicht der Kontakt zu den Schulen in Haslach, zu den beiden Grundschulen, zur Pestalozzirealschule, zur Vigeliushauptschule, zur Staudingergesamtschule und zur Schenkendorfschule. Viele Schulgottesdienste, ob zu Weihnachten oder an Schuljahresbeginn, werden zumeist ökumenisch gefeiert. Unser Pfarrer gibt zur Zeit an zwei Vormittagen in der Woche Religionsunterricht an der Vigelius-Hauptschule.

Gemeinsam auf dem Weg: Raum füreinander

Glauben kann man schlecht nur für sich alleine; schon deshalb, weil das langweilig ist. Gemeinsam lachen oder Kaffee trinken, sich unterhalten; neuen, interessanten Themen nachgehen, etwas gemeinsam auf die Beine stellen; gefragt werden, wie es einem geht; zuhören, ein Anruf, wenn man nicht kommt; Trost. Den „Treffpunkt am Nachmittag" leitet ein Team von Frauen, im Mittelpunkt stehen ein aktuelles Thema, das meistens ein Referent erläutert, und das gemeinsame Kaffeetrinken. Beim Frauenkreis stellen Fr. Kopton oder Pfr. Kunath meist religiöse Themen auf anregende Weise vor; zum Beginn wird gesungen und ein Tässchen Kaffee getrunken. Beim Männerkreis werden aktuelle Themen diskutiert und immer wieder Gemeindeleben – wie zwei Trödelmärkte oder Gemeindefeste – tatkräftig auf die Beine gestellt. Oder wer es lieber sportlich mag: Immer donnerstags trifft sich für eine Stunde die Gymnastikgruppe. Früher gab es den fast schon legendären Bastelkreis unter der Leitung von Fr. Eck; bis zu 40 Frauen bastelten alles Erdenkliche und verzauberten die Gemeinde mit wunderschönen Bazaren. Seit fünf Jahren gibt es eine große Gemeindefahrt, organisiert von Hr. Zugehör, die über mehrer Tage zu Stätten des Glaubens, so zum Beispiel auf den Spuren Luthers oder – wie jüngst – Jan Hus führt. Daneben gibt es eine Menge Feste bei uns: Sommerfest im Juli; Herbstfest zum Erntedank, ein Gemeindenachmittag am 1. Advent und ein großes Mitarbeiterfest am Beginn des Jahres.

Beschwingt auf dem Weg: Raum für Musik

Was wäre das Leben ohne Musik. Was wäre der Glauben ohne Kirchenmusik. Ärmer. Weniger beschwingt oder getragen. Menschen, die gerne singen oder musizieren und rund um Musik zusammen sein wollen, finden bei uns den Kirchenchor, den Posaunenchor, die Band und für die Kleineren – oben schon erwähnt – den Kinderchor. Alle Chöre werden von unseren ausgebildeten und engagierten Chorleitern betreut, treten öfters im Gottesdienst auf und freuen sich immer über Nachwuchs. Übrigens unser Organist heißt Hr. Spranger und begleitet abwechselnd mit Hr. Strittmatter unsere Sonntagsgottesdienste. Nicht zu vergessen ist unsere regelmäßige Konzertreihe „Alte Musik in der ältesten Kirche Freiburgs", die immer an vier Sonntagabenden im Sommer stattfindet.

Auf dem Weg zum anderen: Raum für Hilfe

Glauben wird fassbar und spürbar in Taten. Diakonische Aufgaben gehören zu den Kernaufgaben der Kirche. Früher kümmerte sich darum der Förderkreis: Er unterstützte das Gemeindeleben immer wieder durch großzügige Spenden. Seit vielen Jahrzehnten und noch heute gibt es in unserer Gemeinde den Hilfsverein. Der Hilfsverein ist ein gemeinnütziger Verein und lebt von den Mitgliedsbeiträgen seiner Mitglieder. Er ist Träger des Evangelischen Kindergartens, er ist beteiligt an der Förderung der Evangelischen Sozialstation, des Kinderchors der Melanchthongemeinde sowie der selbständigen Kindergruppe „Pusteblume". Sein Vorstand besteht aus sechs Personen um den Vorsitzenden Pfr. Kunath und sucht neue Kräfte. Daneben gibt es den Besuchsdienstkreis unter Anleitung eines Pfarrers in Ruhe, der früher in der Krankenhausseelsorge tätig war. Der Besuchsdienstkreis kümmert sich um die älteren Menschen in der Gemeinde. Er besucht sie aus Anlass ihres 75., 80., 85. und 90. Geburtstags. Ab dem 90. Geburtstag werden sie jedes Jahr besucht. Seit Neuestem baut die Melanchthongemeinde zusammen mit der katholischen Nachbargemeinde und dem Nachbarschaftswerk das „Haslacher Netz" auf; hier unterstützten Haslacherinnen und Haslacher Menschen aus der Nachbarschaft bei alltäglichen Dingen – und auch darüber hinaus

Wegstation: Raum zum Nachdenken

Glauben lebt davon, dass nach seinem Grund und Begründungen gefragt wird. Glauben will andere überzeugen, und muss deshalb selbst von sich Rechenschaft ablegen können. Glauben will gesprächsfähig sein. Menschen, die ins Gespräch mit der Bibel kommen wollen, weil sie hoffen dort Antwort auf drängende Fragen zu finden, können sich alle vierzehn Tage mit Gleichgesinnten beim Bibelgesprächskreis treffen. Wer stärker an theologischen Fragestellungen interessiert ist, ist im Arbeitskreis Theologie, der sich einmal im Monat trifft, gut aufgehoben. Und wer es noch spezieller mag und Friedrich Weinreb kennt oder mystische Fragen stellt, der kann zum Weinreb-Lesekreis kommen, der liest und bespricht einmal im Monat Bücher von Weinreb. Alle diese Kreise kennen keine konfessionellen Schranken und sind von Herzen ökumenisch.

Wege, die sich kreuzen: Raum für Begleitung

Die Frage nach Glauben bricht manchmal auf, gewollt oder ungewollt. Immer dann ist es gut, wenn Gemeinde da ist und mitglaubt. An großen Wegmarken des Lebens, begleitet die Kirche Menschen, da wo ein Kind geboren wird, wo Menschen den Bund der Ehe eingehen und wo Menschen sterben. Freud und Leid, beides hat seinen Ort in der Gemeinde. Doch Gemeinde gestaltet nicht nur die Feiern zur Taufe, zur Trauung oder zur Beerdigung, sondern will auch vorher und nachher da sein, zu den Menschen kommen und ein Stück freudvollen oder leidvollen Weg mit gehen. Einmal im Monat haben wir Taufgottesdienste. Brautleute können sich jederzeit im Pfarramt melden. Wichtig ist uns auch die Trauerbegleitung. Gerne kommt der Pfarrer auch zum Krankenabendmahl oder zur Aussegnung nach Hause.

Auf dem Weg zu Gott

Glaube lebt von Gott und zu Gott hin. Das müssen Menschen nicht immer so leben, aber hier findet Glaube sein Ziel. Gott wird im Gottesdienst gesucht und er lässt sich dort finden. Das gottesdienstliche Leben der Melanchthongemeinde ist vielfältig. Die Regel ist der „normale" Gottesdienst am Sonntag um 10.00 Uhr. Einmal im Monat feiern wir – in verschiedenen Formen – gemeinsam Abendmahl. Daneben gibt es bei uns fast einmal im Monat Familiengottesdienste meistens mit Taufen, außerdem Gottesdienste mit Konfirmanden, einen Gottesdienst draußen unter der Linde. In der Passionszeit gibt es Passionsandachten und im November die Friedensandachten. Wer mehr Spiritualität sucht, kann auch unsere Andachten am Samstagabend oder am Donnerstagabend besuchen. Wir freuen uns auf Sie in unserer kleinen Melanchthonkirche, dem ältesten kirchlichen Ort in Freiburg.