Die Melanchthongemeinde in der Zukunft

Einen kleinen Blick durch den Türspalt wagen

Wie wird es werden? In zehn oder zwanzig Jahren? Nun ist ein etwas genauerer Blick in die Zukunft ein Wagnis; man will ja nicht Kaffeesatzlesen betreiben; oder gar für die Prognose haftbar gemacht werden, denn in unser Bild von der Zukunft schmuggeln sich allzu gern die eigenen Wünsche ein.
Beginnen wir doch einfach bei dem, was wir als Erstes unmittelbar vor Augen haben, nämlich bei unseren kirchlichen Gebäuden und fragen: Wie ist unsere Gemeinde gebaut? Was trägt uns davon in die Zukunft?

Zurückgelegen mitten in Haslach

Das Münster hat seinen Münsterplatz und steht mitten in der Stadt. Andere - und vor allem auch evangelische Kirchen - stehen in ihren Stadtteilen mehr am Rande. Unser Gebäudeensemble rund um die Melanchthonkirche liegt irgendwie genau dazwischen, zwischen „mitten am Markt" und „am Rande". Es liegt mitten in Haslach, bildet sogar das Herz von Haslach. Aber doch liegt es auch wie „am Rande": Das Gelände zwischen Melanchthonkirche, Pfarrhaus und Gemeindesaal muss man suchen; viele Kirchenbesucher laufen zuerst an unserem Ensemble vorbei. Das, was Kirche will, offenbart sich hier erst auf den zweiten Blick. So müssen schon recht bewusste Schritte einen auf das Gelände führen, man kommt nicht automatisch vorbei, wie z.B. an der Bushaltestelle oder an der Post. Aber dann zeigt sich: Das Melanchthonensemble hat sein ganz bestimmtes Gesicht, kein „Allerweltsgesicht". Ein Gesicht, mit dem es die Menschen anschaut und mit sich befreundet machen will. Wie bei Menschen unterscheidet sich das Gesicht der Melanchthongemeinde von anderen Gesichtern, kann man in seinem Gesicht die Geschichte (Sorgen - und Lachfalten) ablesen, aber auch - so hoffen wir - die aufgeweckten Augen sehen, die einladen.
In diesem uns geschenkten „Gebäudekonzept" könnte etwas Zukunft für die Kirche liegen. Denn die Zeit, wo Kirche in der Mitte steht, in der Mitte des Interesses, der Gesellschaft, ist vorbei. Auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten gibt es viele Anbieter. Kirche wird in Zukunft nicht mehr in der Mitte sein, aber auch nicht bloß am Rande, sondern wird ihren Platz neben Anderem behaupten und bestimmen müssen. Das aber eher unaufdringlich. Kirche bietet sich nicht feil, sondern sie lässt den Menschen ihre Freiheit: die Freiheit der Entscheidung. Kirche wird in Zukunft   auch   nicht   beliebig werden können. Gegenüber zugelassener Freiheit, auch andere religiöse Sinnangebote wählen zu können, steht das eigene typische, markante Gesicht von Kirche.
Mit der Vergangenheit in die Zukunft: Zurückgelegen mittendrin. Freiheit ohne Beliebigkeit. Ein einladendes, aber markantes „Gesicht". Und das ist gut evangelisch.

Drei einzelne kirchliche Orte

Die fünfziger und sechziger Jahre, als die meisten anderen evangelischen Gemeinden in Freiburg gegründet wurden, waren eine Zeit der Gemeindehäuser: Kirche, Gemeinderäume und Pfarrhaus wurden als ein großer Gebäudekomplex konzipiert und gebaut, in dem alles miteinander verbunden oder sogar ineinander gebaut war.
In der Melanchthongemeinde ist das anders: In ihr stehen sich Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus als voneinander getrennte Gebäude gegenüber. Für den Betrachter sind es vor allem Kirche und Pfarrhaus, die von einander getrennt sich doch aufeinander beziehen. Vom Fenster des Pfarrhauses kann man auf die Kirche blicken und, wenn man sonntags auf der Kanzel steht, kann man auf das Pfarrhaus schauen. Vielleicht ist die Zeit der „Gemeindezentren" vorbei; vielleicht braucht die Gesellschaft angefangen bei den kirchlichen Gebäuden - in Glaubensdingen das sichtbare Unterscheiden und Verbinden. Das klare Trennen von Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus, von Gottesdienst, Geselligkeit und Seelsorge kann helfen. Und deshalb ist - wieder paradoxerweise - der alte Gebäudebestand der Melanchthongemeinde modern und zukunftsweisend.
Denn Menschen müssen heute immer mehr mit Spannungen leben, mit dem immer stärkeren Ineinander von verschiedenen Dingen, die eigentlich ehemals getrennt waren. Die Post wird auf einmal in das Haushaltswarengeschäft verlegt; meine Überweisung kann ich am PC machen, wo ich auch meinen Bestand der Tiefkühltruhe archiviere.
Dagegen könnte Kirche zum Ort werden, wo Spannungen nicht ausgehalten werden müssen, sondern wo man klar trennt und dann das so klar Getrennte wieder aufeinander bezieht und verbindet:    Wenn    Menschen zum Beispiel in die Kirche eintreten, dann wird der bürokratische Akt am Schreibtisch vollzogen, zum geistlichen Akt kann man aus dem Pfarrhaus (wie aus einem Stück alten Lebens) hinausgehen, hinüber gehen zur Kirche (wie in ein Stück neues Leben) in den Chorraum. Ein anderer Ort für ein andere Sache.
Mit der Vergangenheit in die Zukunft: Drei einzelne Gebäude. Deutlich unterschiedene Orte für das Leben. Alles aber mit Bezug zueinander. Und das ist auch gut evangelisch.

Eine Kirche des Wortes

Der Mittelpunkt der Melanchthongemeinde ist fraglos die Kirche - wie in vielen Gemeinden. Unsere Kirche ist eine kleine Kirche, in der nicht alles machbar ist. Sie lässt nicht alles zu und gegen manche Verwendung sperrt sie sich. Sie kann ihre geschichtlichen Verwundungen nicht verschweigen; oft wurde sie zerstört und wieder aufgebaut. So zeigt sich die Melanchthonkirche als eine eingeschränkte Kirche - und darin vielleicht als besonders zukunftsweisend.
Denn: Kirche allgemein wird in Zukunft ihre eigene Beschränktheit anerkennen müssen - und dürfen. Sie hat nicht mehr - wie in den vergangenen Jahrhunderten — „unendlich" viel zur Verfügung: an Geld, Macht, an Einfluss, an Volk und Pfarrerinnen. Dieses Einwilligen in die eigene Endlichkeit fällt der Kirche schwer, sehr schwer, zu lange war sie an das Unendliche gewöhnt. Aber von ihrem Wesen her ist die Kirche endlich: zerbrechliches Gefäß für Gottes unendliche Liebe. Die Melanchthonkirche kann helfen, die Endlichkeit als Gabe zu sehen und auf die unendliche Liebe Gottes zu hoffen.

Die Melanchthonkirche lebt überhaupt in ihrer ganzen Ausrichtung von der Hoffnung. Sie ist geostet, die Menschen in ihr schauen gegen die Himmelsrichtung, von der aus sie hoffend erwarten, dass der Auferstandene ihnen gegenübertritt. Die Melanchthonkirche hat einen Altar, der etwas separiert von der Gemeinde im Chorraum steht. Der Altar ist der Ort des Gebets . Von dort tritt es der Gemeinde im Gottesdienst gegenüber. Schließlich hat sie eine Kanzel „hoch" über den Menschen — als Ort, wo das Wort Gottes am Sonntag den Menschen gegenübertreten kann. In diesem dreifachen Gegenüber liegt etwas, was in Zukunft wertvoll sein kann.
Denn die Kirche wird in Zukunft wieder stärker ein Gegenüber sein müssen, das Gegenüber des heilsamen Wortes Gottes. Wo viele ganz viel und immer reden, wo wenige den Ton angeben, wo unzählige Worte im Schnelltakt aufeinander prasseln, wo immer mehr verstummen, braucht es Worte, die halten, was sie sagen, die vielleicht alt oder fremd erscheinen, aber genauso etwas vom tieferen Sinn in sich bergen, die anstoßen, das Überschwängliche der Gnade Gottes in die Welt hinein sprechen, die heilend gegenübertreten.
Mit der Vergangenheit in die Zukunft: Eine Kirche des Wortes. Hilfe, die von außen kommt und „innen drin" heilt. Und auch das ist gut evangelisch.

Die Zukunft der Vergangenheit

Die Zukunft der Melanchthongemeinde liegt in ihrer Geschichte. Das ist typisch evangelisch. Eine Geschichte, die sich vor allem in dem zeigt, wie sie den Menschen begegnet, in dem Gesicht des Ensembles rund um die Melanchthonkirche. Damit ist sie aber gar nicht konservativ. Denn es geht nicht um das  bloße  Bewahren  der Geschichte, sondern darum, sie fruchtbar zu machen für die Gegenwart. Die Summe all dessen, was hier schon geglaubt, gebetet, gesungen, gehofft, geweint und gelacht wurde, kann ausreichen, den menschlichen Fragen der Zukunft zu begegnen. Wir müssen „nur" diese versteckte Anwesenheit von Glauben an Gott zum Leuchten bringen. Dann werden sich Menschen immer wieder hier auf dem Weg in ihre Zukunft getragen fühlen.

Autor: Jochen Kunath,
Pfarrer der Melanchthongemeinde