Die spannende Geschichte der Ökumene in Haslach

Ökumene auf dem Weg

Eine Betrachtung von 2005 durch Andrea Gutzweiler

Wie war es damals?

1556 führte Markgraf Karl II. von Baden-Durlach in seinem Landesgebiet die Reformation durch, d. h. der evangelische Glaube wurde zur verbindlichen Konfession in seinem Land. Haslach war mit Opfingen, Tiengen, Mengen und Schallstadt/Wolfenweiler Teil dieses Landes und die bis dahin katholischen Untertanen mussten/durften die neue Konfession annehmen. Haslach ragte nun wie eine Speerspitze in katholisches Umland hinein.

Allerdings blieben durch die Teilung der Baupflicht für die Haslacher Kirche die beiden Konfessionen verbunden, jedoch nicht immer einvernehmlich. Für Pfarrhaus, Chor und Turm der heutigen Melanchthonkirche waren die Augustiner Chorherren baupflichtig, die hierfür wiederum den Kirchenzehnten bekamen. Die Baupflicht für das Langhaus und das Recht, den Pfarrer einzusetzen, hatte der Markgraf. Diese Teilung der Zuständigkeiten war immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen, wie aus Unterlagen hervorgeht, die über Rechtsstreitigkeiten des Klosters mit dem Markgrafen von Baden-Durlach berichten. So wird u.a. berichtet, dass der Abt 1557 den ausstehenden Zehnten selbst abholte und auf Fuhrwerke verlud. Bei der oberen Mühle wurde er von dem Haslacher Vogt (Bürgermeister) angehalten, bedroht und zum Abladen gezwungen. Erfreulich war, dass der Abt der Augustiner Chorherren 1663 zur Einweihung der im Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigten Kirche eingeladen wurde und wohl auch gekommen ist. Durch die Aufteilung der Baupflicht bestanden nicht nur Konfessionsschranken, sondern durch die Kirche verlief somit auch eine Landesgrenze. Mit Kopfschütteln liest man heute in alten Unterlagen, wie sich die Konfessionen gegenseitig das Leben schwer machten: 1750 wird berichtet, dass badische Untertanen in Freiburg beim Vorübertragen des Venerabile mit Stockschlägen zum Niederknien gezwungen wurden. Es waren Marktfrauen, die dann aussagten, „unvermutet" sei der „Himmel" aus dem Münster getragen worden und sie hätten doch ihre Waren nicht im Stich lassen können. Absichtliche Provokation oder nicht — wir können es heute nicht mehr beurteilen. 1753 kam es anlässlich einer evang. Beerdigung zu Beschimpfungen und Drohungen. Daraufhin erfolgte die Bitte des evang. Pfarrers und Ortsvorgesetzten an das Oberamt in Badenweiler, „an Sonntagen und kath. Feiertagen sollen 80-100 Mann das Dorf schützen, sonst 40-50 Bewaffnete". Die Stimmung scheint auf beiden Seiten ziemlich aufgepeitscht gewesen zu sein. Von der Beerdingung der Sophie von Gebier (deren Grabstein noch in der Kirche zu sehen ist) wird noch 1776 berichtet, dass eine pöbelnde Menschenmenge den Trauerzug von Freiburg nach Haslach begleitete. Der evang. Pfarrer musste von „zwei Feldwebeln" in Schutz genommen werden, auch wurden die Fensterscheiben der Kirche zertrümmert und die „Notdurft in derselben verrichtet". Durch die 1781/1783 aufgehobene Leibeigenschaft, das 1781 erlassene Toleranzedikt und die Eingliederung Freiburgs in das Kurfürstentum Baden 1805 erfolgte ein reger Zuzug der Landbevölkerung in die Stadt und Umgebung. Ab dieser Zeit ließen sich auch zunehmend Katholiken in Haslach nieder. Das 1807 erlassene Konstitutionsedikt erlaubte jedoch zunächst je Dorf nur eine Konfession, so dass die in Haslach ansässigen Katholiken durch die Pfarrei Wiehre-Adelhausen betreut wurden. Da die Amtshandlungen jedoch dem hiesigen evang. Pfarramt mitgeteilt werden mussten, besitzen wir Angaben über hier ansässige Katholiken. Bestattungen auf dem Friedhof, der zu dieser Zeit noch um die Kirche herum war, durften nur vom evang. Pfarrer gehalten werden. Als 1841 der neue Friedhof durch Pfr. Schmuzer (Haslach) und den kath. Pfarrer der Wiehre eingeweiht wurde, hieß es in einem Dokument, der kath. Pfarrer könne dort Katholiken beerdigen, „sofern sich derselbe bloß auf die Begleitung der Leichen und Verrichten der üblichen Gebete und Gebräuche am Grabe beschränkt ...". 1844 wurde das Konstitutionsedikt aufgehoben und nun war es auch möglich, dass in einem Ort kirchliche Ämter beider Konfessionen vertreten waren. 1866 wurde in Haslach das „Kleine Kirchle" gebaut und dem heiligen Michael geweiht. Mit der Erhebung zur Kuratie 1903 wurde die katholische Gemeinde Haslach selbständige Seelsorgeeinheit. 1907 erfolgte dann die Grundsteinlegung für die heutige St.-Michaels-Kirche, die allerdings durch die rasch wachsende Bevölkerung bald vergrößert werden musste.

Wie ist es heute?

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts sagten die St. Georgener, wenn sie nach Haslach gingen, sie gingen ins „Lutherische". Die Entwicklung zeigte jedoch, man kam in Haslach nicht mehr aneinander vorbei, sondern nur miteinander weiter. Schon 1968 gab es eine ökumenische Gebetswoche der Gemeinden St. Michael und Melanchthon, in deren Rahmen die ersten ökumenischen Gottesdienste gefeiert wurden. Die erste ökumenische Trauung unter Mitwirkung beider Pfarrer wurde 1971 gehalten. Der gute Kontakt zwischen dem katholischen Pfarrer Jung und dem evangelischen Pfarrer Kraft ließ ab 1972 die ersten gemeinsamen Projekte entstehen. Acht Jahre lang gab es dann einen ökumenischen Gesprächskreis für konfessionsverschiedene Paare, der dann später im ökumenischen Bibelgesprächskreis seine Fortsetzung fand. Durch Frau Eck wurde 1982 ein Bastelkreis ins Leben gerufen, der für beide Konfessionen offen war und großen Zuspruch fand. Dank der ansteckenden Kreativität Frau Ecks entstanden hier über fast 20 Jahre wunderbare Basteleien. Leider konnte nach dem frühen Tod von Frau Eck der Kreis nicht weitergeführt werden.

Der begonnene ökumenische Weg setzte sich in der guten Zusammenarbeit mit Pfarrer Ehrath (St. Michael) und den nachfolgenden evangelischen Pfarrern, Herrn Moser und Herrn Förschler, fort. Auch die beiden jetzigen Pfarrer, Herr Vogel und Herr Dr. Kunath, haben einen freundlichen und offenen Umgang miteinander und stehen der Ökumene aufgeschlossen gegenüber.

Folgende Aktivitäten haben sich über die Jahre gehalten oder sind neu hinzugekommen: An Christi Himmelfahrt gibt es eine gemeinsame Wanderung mit anschließendem ökumenischem Gottesdienst und gemütlichem Ausklang. Seit 1996 wird auf dem Haslacher Hock ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Einmal im Jahr findet ein ökumenischer Jugendgottesdienst statt. Zweimal im Monat trifft sich der ökumenische Bibelgesprächskreis sowie einmal im Monat der ökumenische Arbeitskreis Theologie. Neu hinzugekommen ist die ökumenische Friedensdekade, in welcher gemeinsam für das friedliche Miteinander aller Menschen gebetet und Fürbitte gehalten wird. Eine Gruppe von Christen hat sich in jüngster Zeit zusammengefunden, die nun gemeinsam das 1979 ins Leben gerufene ökumenische Abendgebet vorbereitet. Neu ist auch das „Haslacher Netz", welches von beiden Gemeinden in Zusammenarbeit mit dem Nachbarschaftswerk unterstützt wird. Hier stellen Ehrenamtliche ihre Fähigkeiten in den Dienst am Nächsten, indem sie z.B. bei Behördengängen, beim Erlernen der Sprache, beim Umgang mit elektronischen Medien etc. behilflich sind.

Ein Höhepunkt ist jedoch sicherlich die einmal jährlich stattfindende ökumenische Bibelwoche. Hierbei werden gemeinsam Texte aus der Bibel besprochen. Daraus ergibt sich dann manch reger Gedankenaustausch, und was bisher als unverständlich und trennend empfunden wurde, kann in Einklang und zur Einsicht gebracht werden. Die Anerkennung und Achtung vor dem Anderen und der Geist, der über uns allen ist, führen uns zusammen. Die Intoleranz der letzten Jahrhunderte ist überwunden, dennoch sollte sie uns mahnend vor Augen stehen.

Die Ökumene bei uns in Haslach ist auf einem unaufhaltsam guten Weg. Dieser Weg ist jedoch noch nicht zu Ende.

So machen sich jetzt beide Gemeinden auf, Seelsorgeeinheiten bzw. Unionen zu bilden. Behutsam nähern sich Katholiken an Katholiken (Weingarten/Haslach) und Protestanten an Protestanten (Weingarten/Rieselfeld/St. Georgen/Merzhausen/Haslach). Ein Prozess des Annäherns und Kennenlernens ist in Gang gekommen. Jede Gemeinde bringt ihre eigene ökumenische Geschichte mit. Das ökumenische Miteinander kann hier Vorbild sein — und darf bei den anstehenden Zusammenschlüssen nicht vergessen werden!