Melanchthonkirche und Umgebung

Bemerkungen zur Baugeschichte der Dorfkirche von Freiburg-Haslach.

melanchthonkirche_altImmer wieder wird in Betrachtungen zur Ortsgeschichte von Haslach darauf hingewiesen, dass die Dorfkirche, die heutige Melanchthonkirche, die „älteste Kirche" Freiburgs sei. Die Quelle dieser ebenso unbestimmten, wie irreführenden Behauptung ist unbekannt. Sie basiert auf dem Datum der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes aus dem Jahr 786 („villa Haslaha", Krieger, Top. Wörterbuch Bd. I, Sp.856). Wichtigste Arbeit zu den Geschichtsdaten ist der Beitrag von Hans-Carl Scherrer, Die alte Haslacher Dorfkirche in Freiburg i.Br., Schauinsland 80, 1962,39-50). In Verbindung mit dem überlieferten mittelalterlichen Patrozinium St. Gallus, das allerdings erst 1493 urkundlich belegt ist (Scherrer 42, Anm.8), wird die Existenz einer Kirche seit der Frühzeit des Dorfes zu Recht erschlossen. Erste Nennungen eines „plebanus", „Leutpriesters" usw. finden sich in unterschiedlichen Schriftquellen des 13. Jahrhunderts (Scherrer 41 mit Anm. 2 und 3). Sie bestätigen den Rang der Kirche als Pfarrkirche mindestens seit diesem Zeitraum. Aus alledem darf man also auf die Existenz einer Kirche in Haslach schließen, lange bevor diese erstmals als Bauwerk ausdrücklich erwähnt ist. Mutmaßlich hatte sie seit Anbeginn ihren Platz am Standort der heutigen Kirche.

Aber was wissen wir über ihre Baugestalt? Alle bisher geäußerten Meinungen beruhen auf Vermutungen bzw. der Interpretation des sichtbaren Bauwerks. Eine kritische Begutachtung des Baus unter Zuhilfenahme der Beobachtungen bei der archäologischen Notuntersuchung beim Einbau der Heizung 1973 hilft hier nur wenig weiter. Für keinen Bauteil, außer der westlichen Erweiterung von 1898, ist ein sicheres Baudatum bekannt. Doch lässt sich nach heutigem Kenntnisstand die relative Bauabfolge darstellen. Ältester sichtbarer Bauteil ist wohl der Glockenturm. Sein Erdgeschoss, das auch heute noch als Sakristei dient, ist in Nord-Süd-Richtung mit einem Tonnengewölbe überspannt, in das nachträglich in der Nordostecke ein Durchstieg zu den oberen Geschossen eingebrochen wurde. Sicher sehr jung ist die schmale Zugangstür auf der Südseite mit darüber liegendem Rundbogenfenster. Dafür spricht schon die Bauweise des Gewändes aus gesägten Hölzern. Auch wäre ein Außenzugang zur Turmsakristei einer mittelalterliche Dorfkirche sehr ungewöhnlich. Vermutlich ersetzt diese Tür ein ursprüngliches kleines Fenster. Die Verbindungstüre vom Chor zur Sakristei kann dagegen mit Hilfe ihrer Gewändeprofile in das ausgehende Mittelalter oder die beginnende Neuzeit (also spätes 15. Jh. oder wahrscheinlicher 16. Jh.) datiert werden. Allerdings lassen ihre auffällig großen Abmessungen und ihre eigentümliche Anbringung unmittelbar angrenzend an die Chorbogenwand vermuten, dass sie nachträglich an der Stelle einer ursprünglich kleineren Tür eingebaut wurde. Zweifellos falsch ist die traditionelle Interpretation des Kirchturms als Wehrturm. Weder wären die geringen Abmessungen für einen solchen Zweck geeignet, noch könnten die kleinen Fensterschlitze in den Obergeschossen als Schießscharten dienen. Eine heute vermauerte Türöffnung in der Südseite des zweiten Obergeschosses wurde nach Ausweis der sie umgebenden Störungen im Mauerwerk nachträglich eingebrochen. Denkbar ist, dass sie einen älteren, wenn auch nicht ursprünglichen Außenzugang zum Turm bildete, der über eine steile Außenstiege erreichbar war. Vermutlich gelangte man ursprünglich in die Turmobergeschosse über die Verbindungsöffnung zum Dachraum über den Chor, der wiederum über den des Langhauses erreichbar war. Bei den seit dem späteren Mittelalter unterschiedlichen Zuständigkeiten für die Baupflicht am Langhaus einerseits (der badische Markgraf) und für den Chor   und  Turm   andererseits (das Kloster Allerheiligen in Freiburg) können Streitigkeiten dazu geführt haben, dass der Durchgang vom Langhaus her zeitweise verwehrt wurde.

Der im 3/8 geschlossene Chor wurde als nachträgliche Erweiterung eines kleineren, älteren errichtet. Die Vermutung, er hätte ursprünglich ein gotisches Netzgewölbe besessen ist reine Spekulation. Leider wurden später die Maßwerke der drei Spitzbogenfenster ausgebrochen, so dass eine Datierung mit kunsthistorischen Mitteln ausscheidet. Einzig die Profilierung des Gewändes der Sakristeitüre gibt einen Anhaltspunkt, da diese Veränderung wohl mit der Chorerweiterung     zusammenhängen dürfte. Im Zusammenhang mit dieser Baumaßnahme wird auch der Chorbogen seine heutige spitzbogige Form erhalten haben. Aber auch mit diesen Formvergleichen lässt sich keine exaktere zeitliche Eingrenzung feststellen. Möglicherweise könnten die alten Teile des stark veränderten Dachstuhls über dem Chor mit Hilfe der Dendrochronologie ein präziseres Datum liefern, doch bedürfte dies der Mitwirkung eines entsprechenden Fachmanns.
Die Betrachtung des Langhauses soll auf den älteren Baubestand vor Errichtung der Westerweiterung 1898 beschränkt werden. Beim Einbau der Kirchenheizung 1973 wurde erwartungsgemäß das Fundament der älteren Westfassade angetroffen. Diese war mit den nach Osten anschließenden Längswänden im Mauerwerksverband hergestellt worden. Somit lässt sich das Kirchenschiff in seinen ursprünglichen Abmessungen rekonstruieren. Diese entsprechen den Angaben in den Schriftquellen über die Wiederherstellung der Kirche nach den Kriegsschäden von 1744: 30 Schuh lang, 21 Schuh breit, 16 Schuh hoch (nach Scherrer, 47). Man darf davon ausgehen, dass es sich bei den Maßnahmen nicht um einen kompletten Neubau handelte, sondern dass die Umfassungswände auf jeden Fall aus dem Mittelalter stammen. Die spitzbogigen Fenster gehören jedoch erst der Erneuerung von 1898 an. Für das Aussehen der älteren Fenster wäre man auf Bildquellen angewiesen, die offenbar fehlen. Eine engere Eingrenzung für den Zeitpunkt der Erbauung des Langhauses ist wiederum kaum möglich. Immerhin kann man daraus, dass Chor und Langhaus die gleiche Breite aufweisen, folgern, dass letzteres der ältere Bauteil ist. Möglicherweise wurde es zeitgleich mit dem Turm errichtet. Ein älterer, zugehöriger Chor könnte dann symmetrisch zur Mittelachse ergänzt werden. Seine Nordwand wäre in 4,50 m Abstand von der Turmwand zu vermuten. Weitere Folgerungen zur möglichen Gestalt dieses Vorgängerchores müssen ebenfalls spekulativ bleiben: Denkbar ist sowohl eine flache Ostwand, etwa in der Ostflucht des Turmes, wie eine Apsis. Alle diese offenen Fragen könnten allenfalls zu gegebener Zeit, wenn Verputz und Anstrich erneuert werden, durch gezieltes Aufspüren von Baufugen oder ehemaligen Wandanschlüssen besser beantwortet werden.
Einige weitere Feststellungen zur Baugeschichte ergeben sich bei der Auswertung der Notgrabung von 1973. Die Umstände des Bauablaufs erlaubten allerdings nur sehr wenige Detailbeobachtungen.
Unmittelbar unter dem damals ausgebauten Bodenbelag des älteren Kirchenschiffs fand sich eine Planierschicht aus kleinteiligem Bauschutt, der mit Asche und verkohltem Holz durchmengt war, also von einem Brand herrühren musste. Unmittelbar unter dieser kaum 10 cm starken Schicht folgte der anstehende kiesige Untergrund. Dieser wies in großen Flächen ebenfalls Brandspuren auf. Dieser Befund kann nur als Beleg für eine der häufigen Verwüstungen der Kirche zwischen 1648 und 1744 gedeutet werden. Etwa 3,5 m östlich der älteren Westfassade wurden zwei Punktfundamente festgestellt, die vermutlich die Stützen einer Empore aufnahmen. Zwei kurze Fundamentansätze in der Verlängerung der Nord- und Südwand außerhalb der älteren Westfassade, die durch Mauertechnik und Baufugen sowohl von diesen, als auch von denen des Westbaus deutlich unterschieden waren, können vielleicht auf nachträglich an den Westecken angefügte Strebepfeiler hinweisen. Beim Abgraben des parallel zur nördlichen Langhauswand verlaufenden Heizkanals wurden im Inneren der älteren Kirche in einer Tiefe von ca. 80 cm dicht vor der Wandflucht zwei menschliche Skelette gefunden. Bei dem östlichen handelt es sich um ein Kinderskelett von etwa 90 cm Länge. Das westliche, ein Erwachsener, war etwa in der Körpermitte durch das quer darüber verlaufende Fundament der Westfassade zerstört. Das heißt, dieses Fassadenfundament ist jünger als die Bestattung. Diese Grabstelle ist der einzige sichere Beleg für die Existenz einer Kirche an diesem Platz vor Erbauung des oben beschriebenen Baus. Beide Gräber waren unmittelbar in den anstehenden Untergrund eingetieft. Der Fund vereinzelter Nägel im Bereich der Skelette lässt darauf schließen, dass die Toten in Särgen bestattet wurden. Zahlreiche verworfene Menschenknochen im Grabenaushub weisen darauf hin, dass es noch mehr Gräber in diesem Bereich gab. Ein drittes Skelett fand sich in der westlichen Verlängerung des Heizkanals innerhalb des Erweiterungsbaus von 1898. Anders als bei den beiden östlichen Gräbern bestand hier der Untergrund aus humoser Friedhofserde. Ebenfalls im Erweiterungsbau befindet sich in der Südostecke, unmittelbar westlich der älteren Fassade eine aus Ziegelmauerwerk bestehende Gruft. Das flache stichbogige Gewölbe war Nord-Süd gerichtet, der Boden mit Ziegeln belegt. Die Abmessungen betrugen 85 cm in der Breite, 1,00 m in der Höhe, die erhaltene Länge 1,45 m. Im Süden war die Gruft durch das Fundament der Westerweiterung zerstört. Das Innere war leer. Vielleicht gelingt es bei einer sorgfältigen Auswertung der Kirchenbücher und anderer Quellen, herauszufinden, wer in dieser sicher neuzeitlichen Gruft bestattet war.
Die Baugeschichte der Haslacher Dorfkirche lässt sich nach derzeitigem Kenntnisstand folgendermaßen zusammenfassen: An dem Ort einer möglicherweise in die Gründungszeit von Haslach im späten 8. Jh.zurückgehenden Galluskirche wurde im hohen Mittelalter der Bau errichtet, von dem heute noch die Längswände des Langhauses, Teile der Ostwand und der Turm erhalten sind. Im ausgehenden Mittelalter erhielt die Kirche ihren heutigen Chor als Erweiterung einer kleineren Choranlage. Nach mehrfachen erheblichen Beschädigungen im 17. und 18. Jh. wurde die Kirche in diesem Bestand 1748 wiederhergestellt. Dabei entstand auch der heutige Dachstuhl über dem Langhaus. Letzte große Baumaßnahme war die westliche Erweiterung 1898, bei der auch die Gotisierung der Fenster vorgenommen wurde.

Autor: Peter Schmidt-Thome, Landesdenkmalamt, 2005 (entnommen aus der Festschrift 450 Jahre evangelisch in FR-Haslach)